Oktober 2017 - Isabel Mundry

Künstlerin des Monats Oktober 2017 - Isabel Mundry

Photo © by Martina Pipprich, Mainz

 

Isabel Mundry, geb. am 20. April 1963 in Schlüchtern (Deutschland), Komponistin.

 

Isabel Mundry wurde am 20. April 1963 in Schlüchtern geboren. Sie gehört zu den interessantesten Komponistinnen der Gegenwart, deren glänzende Karriere auf keine Benachteiligung als Frau schließen lässt. Nach Kompositionsunterricht bei Frank Michael Beyer und Gösta Neuwirth an der Hochschule der Künste Berlin seit 1983 sowie Studien in Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie setzte Isabel Mundry ihr Kompositionsstudium bei Hans Zender in Frankfurt am Main fort und war 1992-1994 als Stipendiatin an der Cité internationale des arts und am IRCAM in Paris. Bereits 1996 erhielt sie eine Professur für Tonsatz und Komposition in Frankfurt am Main und hat seit 2003 eine Professur für Komposition an der Zürcher Hochschule der Künste inne. Sie lehrte bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt, erhielt zahlreiche Preise und war 2007/08 Capell-Compositeur bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

Die Thematisierung von Zeit, die seit Karlheinz Stockhausens Aufsätzen aus den 1950er Jahren verstärkt ins Bewusstsein avantgardistischer Komposition kam, bestimmt Mundrys Œuvre in vertiefter und differenzierter Weise. In den Vordergrund rücken Fragen der Wahrnehmung, der subjektiven Rezeption von zeitlichen Vorgängen, das Verhältnis von Raum und Zeit, von Prozessualität und Stillstand. Mundry hat sich vielfach in Aufsätzen, Vorträgen, Programmheft- und CD-Beilagen zu ihren kompositorischen Konzeptionen geäußert, insbesondere in »traces des moments. Gedanken über die Zeit des Komponierens und komponierte Zeit« (2004). So wird in der im Titel genannten Komposition für Klarinette, Akkordeon und Streichtrio (2000) – die durch einen Gang in japanische Gärten inspiriert sind – Zeitenthobenheit mit ständiger Bewegung konfrontiert (Mundry 2004, S68), »Komponieren [erscheint] als das tönende Erfassen von Augenblicken« (Müller 2004, S. 47).
Im September 2005 wurde Isabel Mundrys erste Oper Ein Atemzug – Die Odyssee in Berlin aufgeführt. Seit ihrer Uraufführung ist die Oper außerordentlich erfolgreich: Sie wurde von der Fachjury der Opernwelt zur »Uraufführung des Jahres« gewählt (Opernwelt. Das Jahrbuch 2006, S. 32-39). Zentrales Motiv für die Wahl des Dysseus-Stoffes war wiederum die Zeitthematik, das »Ineinander von Raum- und Zeitwahrnehmung im Rahmen einer Handlung, die beide Ebenen untrennbar mit ihrem Inhalt zusammenführt« (Isabel Mundry: »Erinnern, Vergessen«; ebd., S34), sowie die – aktuell auch in kulturwissenschaftlichen Gedächtnistheorien diskutierte - »Dialektik zwischen Erinnern und Vergessen« (ebd., S. 33). Gespielt wird mit der Anwesenheit und Abwesenheit von Gesang, der Protagonist Odysseus singt erst, als »die Welt sich von ihm entfernt« (ebd., S34).

 

Quelle:

Schmierer, Elisabeth: Mundry, in: Lexikon Musik und Gender, hg. von Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld, Kassel 2010, S. 371-372.