Juni 20119 - Vilma Webenau

Künstlerin des Monats Juni 2019 - Vilma Webenau

Vilma Webenau im Jahr 1924, aus dem Fotoalbum Arnold Schönbergs, das ihm seine SchülerInnen zum 50. Geburtstag geschenkt hatten. ©Arnold Schönberg Center, Wien

 

Veranstaltungshinweis:

Vortrag aus der Reihe Künstlerinnen:

 

Schönbergs Schülerinnen: "... vielleicht wird man von einigen von denen etwas einmal hören"

 

Vortragende: Elisabeth Kappel

Wann: 03.06.2019, 18:00 Uhr

Wo: Palais Meran, Zi. 24

 

Der Vortrag ist für Musikwissenschaft aktuell anrechenbar!

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Vilma Weber von Webenau, 1875 – 1953, Komponistin

 

Das Leben Vilma von Webenaus ist bislang wenig erforscht, die Unsicherheiten beginnen schon bei ihrem Namen: Geboren wurde sie 1875 als Vilma (auch Wilma) Weber von Webenau als Tochter eines k. u. k. Botschaftsrats in Konstantinopel, ihre Großmutter war die Komponistin Julie von Webenau, eine Schülerin von Mozarts Sohn Franz Xaver. Nach dem Adelsaufhebungsgesetz 1919 musste sie ihr Adelsprädikat ablegen und zeichnete ihre Kompositionen forthin mit dem bürgerlichen Namen Vilma Webenau. Trotzdem wird sie in der Forschung und auch auf Wikipedia ohne nähere Begründung Vilma von Webenau genannt.

Maßgeblich dafür mag sein, dass ihre adelige Herkunft für ihre musikalische Bildung entscheidend gewesen ist. Ihr familiärer Hintergrund ermöglichte ihr eine Ausbildung, die Frauen aus ärmeren Verhältnissen vorenthalten blieb. Mit einer Großmutter, die als Komponistin und Virtuosin Ansehen genoss, hatte sie außergewöhnlich gute Startbedingungen für eine Laufbahn als Musikerin und gab bereits als Schülerin eigene Konzerte. Vilma von Webenau entschied sich aber gegen eine Karriere als Solistin. 1898/99 wurde sie die erste Privatschülerin von Arnold Schönberg, bei dem sie Harmonielehre, Kontrapunkt und Kompositionslehre studierte. Sie folgte ihm sogar nach Berlin, als Schönberg im Jahr 1901 beim literarischen Kabarett Überbrettl die musikalische Leitung übernahm. In dieser Zeit gastierte Vilma auch mit Konzerten in London. Eine der raren Informationen über Auftritte der Künstlerin.

Zurück in Wien arbeitete sie als Musiklehrerin und Komponistin, deren Werke 1907 bei Schönbergs erstem Schülerkonzert vorgestellt wurden. Im November 1908 ist ein weiteres Konzert mit Werken Vilma von Webenaus im großen Musikvereinssaal belegt. Danach studierte sie in München beim Hofkomponisten Fritz Cortolezis Instrumentation, verließ die Stadt aber wieder um 1912. Bis 1922 fehlen Informationen über ihren Aufenthalt. Ging sie zurück nach Wien? Oder nach Graz, wo ihre Mutter lebte, die dort 1922 starb? Nach den frühen Jahren werden die Informationen über ihr Leben immer spärlicher. Sie engagierte sich im „Club der Wiener Musikerinnen“ und hielt Vorträge im „Neuen Frauenklub“ auf der Tuchlauben, wobei die zeitliche Zuordnung oft schwierig ist, da viele Zeugnisse – wie ihre Korrespondenz mit Schönberg – meist undatiert sind.

In einem Album, das Schönbergs SchülerInnen anlässlich seines 50. Geburtstages 1924 gestalteten, bekannte sie nach einem kurzen autobiografischen Abriss: „Jetzt lebe ich in Wien als sehr unbedeutende Komponistin und Musiklehrerin.“ Obwohl Schönberg seine Schülerin schätzte, hatte Vilma von Webenau offenbar nicht das nötige Selbstvertrauen, um sich als Komponistin durchzusetzen. Oder hatten sie Zurückweisungen und Misserfolge in der männlich dominierten Musikwelt der Zeit zum Rückzug veranlasst? Ihre Lebensspuren verlieren sich zusehends im Dunkeln, wie auch ihre persönlichen Lebensumstände viele Fragen aufwerfen. Im Jahr 1903 wurde sie als „Begleiterin“ der Komponistin Mathilde Kralik von Meyrswalden bezeichnet. War sie vielleicht ihre Lebensgefährtin und blieb wie diese unverheiratet, weil sie sich ebenfalls zu Frauen hingezogen fühlte? Für die letzten Jahrzehnte ihres Lebens fehlen gänzlich Hinweise. Wie und wo überlebte sie den Zweiten Weltkrieg? War sie eine Gegnerin des Nationalsozialismus oder befürwortete sie das Regime? Ihr langjähriger Kontakt mit Schönberg legt zumindest nahe, dass sie nicht antisemitisch war. In den Nachkriegsjahren soll sie in ärmlichen Verhältnissen in einem Kabinett im 21. Bezirk gelebt haben.

Erst das Datum ihres Todes am 9. Oktober 1953 ist wieder eindeutig belegt. Jahre nach ihrem Tod wurde ihr musikalischer Nachlass, in dem sich mehr als 100 Werke, darunter Streichquartette, Lieder, Sinfonien, Ballettmusik, Orchesterstücke, Opern und Singspiele befinden, der Österreichischen Nationalbibliothek übergeben.

 

Quellen:

https://www.mdw.ac.at/magazin/index.php/2018/04/30/vilma-von-webenau/ (29.05.2019)

Susanne Wosnitzka: „Gemeinsame Not verstärkt den Willen“ – Netzwerke von Musikerinnen in Wien, in: Annkatrin Babbe und Volker Timmermann (Hrsg.): Musikerinnen und ihre Netzwerke im 19. Jahrhundert. Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts, hrsg. von Freia Hoffmann, Bd. 12. Oldenburg 2016, S. 131–148.