Was ist Genderforschung?

 

Dass sich das englische Wort ‚gender‘ in den vergangenen Jahrzehnten in der deutschen Wissenschaftssprache eingebürgert hat, verdankt sich zumindest nicht allein der grassierenden Mode der Anglizismen. Zwar kann man ‚gender‘ mit ‚Geschlecht‘ übersetzen. Doch das ist auch die Bedeutung eines Wortes, das im Englischen den Gegenbegriff zu ‚gender‘ bildet: nämlich ‚sex‘. Mit ‚sex‘ ist der Umstand gemeint, dass Personen die primären und vielleicht auch sekundären Organe des einen oder anderen Geschlechts aufweisen. ‚Sex‘ ist das biologische Geschlecht, ‚gender‘ hingegen das gesellschaftliche: die Summe der Zuschreibungen, durch die in einer Kultur bestimmt ist, dass jemand ein (‚richtiger‘) Mann oder eine (‚richtige‘) Frau ist. Gegenüber dieser Unterscheidung ist der Ausdruck ‚Geschlecht‘ neutral; daher der Gebrauch des englischen Fremdwortes ‚gender‘ in der deutschen Wissenschaftssprache.

Natürlich lässt die Unterscheidung die Frage offen, was denn das biologische mit dem gesellschaftlich oder kulturell zugeschriebenen Geschlecht zu tun habe. Eine Antwort auf diese Frage liegt der Genderforschung nicht voraus, sondern ist Gegenstand ihrer Debatten. In den 1990er Jahren wurde die Vorstellung revidiert, eine Kultur mache aus biologischem Rohstoff (‚sex‘) ein gesellschaftliches Subjekt (‚gender‘). Auch die Antworten auf die Frage, was und wie die Natur eines Menschen, der natürliche Körper beschaffen sei, werden ja von gesellschaftlichen Instanzen hervorgebracht, von religiösen Autoritäten zum Beispiel oder von wissenschaftlichen.

Wie aber wird in einer Gesellschaft Individuen das eine oder andere Geschlecht und wie werden mit demselben bestimmte – angeblich typische –  Eigenschaften zugeschrieben? Als erstes mag uns die Sprache in den Sinn kommen. Das deutsche System der Personalpronomina zum Beispiel unterscheidet in der dritten Person zwischen ‚er‘, ‚sie‘ und ‚es‘. Ja, weit über die Welt der Personen hinaus hat im Deutschen jedes Nomen und insofern der Benennung nach jedes Ding männliches, weibliches oder sächliches Geschlecht.


Diese einfache Beobachtung verweist auf etwas Allgemeines: ‚Gender‘ wird durch den Gebrauch kultureller Symbole an Personen und Gegenständen hergestellt. Worte sind solche kulturellen Symbole, aber auch Farben, Formen, Klänge können es sein. Manche davon sind weniger eindeutig als Worte, aber vielleicht mächtiger in ihrer sinnlichen Wirkung. In ihrer Gesamtheit erzeugen derartige Symbole historisch sich verändernde Imaginationen von Weiblichkeit und Männlichkeit.


Einer Universität, die der Musik und dem Theater gewidmet ist, steht es darum gut an, sich mit Genderforschung zu befassen. Denn kulturelle Symbole, die Gender markieren, sind weithin Teil historisch überlieferter Werke und ihrer Aufführungen, an denen Künstler wie Wissenschaftler einer solchen Hochschule, Lehrende wie Studierende Tag für Tag arbeiten. Das Thema Gender ist kein moralischer Luxus, den man sich auch noch leistet, nachdem alles Notwendige getan ist; es hat an einer Kunstuniversität seinen Ort vielmehr in jenem täglichen, ebenso schwierigen wie inspirierenden Umgang mit Kunst und dem möglichen Wissen von ihr.


Andreas Dorschel, März 2010