Gender und Genderkompetenz

Gender

Unter gender versteht man die sozio-kulturelle Geschlechtsidentität. Durch die Einführung dieses Begriffes kann man das soziale Geschlecht von dem biologischen Geschlecht (sex), d.h. den körperlichen Geschlechtsmerkmalen, unterscheiden.

Die sozialen Aspekte von Geschlechtlichkeit, die Geschlechterrollen, Verhaltensweisen, soziale Geschlechtsmerkmale (z.B. Kleidung), aber auch „gefühlte“ Geschlechtszugehörigkeit u.ä. einschließen, werden als sozio-kulturell konstruiert verstanden, d.h., sie werden nicht als naturgegeben, sondern aus gesellschaftlichen Wertvorstellungen, (Macht-)Strukturen und erkenntnistheoretischen Paradigmen resultierend gedacht. 

Diese Konstruiertheit von Geschlechtlichkeit führt mit sich, dass das soziale Geschlecht nicht als unabänderlich angenommen wird, sondern sowohl diskursiv als auch performativ, d.h. mittels bestimmter Handlungen (auch Sprechakten) und Praktiken hervorgebracht (doing gender), wodurch es auch prinzipiell veränderbar ist.

Das soziale Geschlecht wird folglich nicht als etwas Authentisches, als Wahrheit des Körpers oder als Natur begriffen, sondern als kulturell codiert, historisch, sozial und manipulierbar. In diesem Sinne ist Simone de Beauvoirs berühmter Satz zu verstehen: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“

Die Performativität und damit Variabilität von gender darf dabei jedoch nicht als ein Prozess autonomer Selbstgestaltung aufgefasst werden, da eine solche Annahme das zwangsweise Zitieren geschlechtlicher Normen, wie beispielsweise den gesellschaftlichen Zwang zur geschlechtlichen Eindeutigkeit, unterschätzen würde. Dies verdeutlicht Butlers Feststellung:  „The ,performative dimension of construction is precisely the forced reiteration of norms. In this sense, then, it is not only that there are constraints to performativity; rather, constraint calls to be rethought as the very condition of performativity. Performativity is neither free play nor theatrical self-presentation; nor can it be simply equated with performance.“[1]

Die Einführung des Genderkonzeptes innerhalb sozialwissenschaftlich-feministischer Forschung richtet sich folglich zunächst gegen eine Gleichstellung von Natur und Kultur respektive Sozialem, in der vermeintlich typische Verhaltensweisen, Kompetenzen, Charakteristika etc. der Geschlechter auf deren angebliche Natur, d.h. auf deren biologische Voraussetzungen, zurückgeführt werden. Durch eine solche Gleichsetzung wurde beispielsweise lange Zeit die Exklusion von Frauen an Universitäten argumentiert, da deren „Natur“ sie zu keinen rationalen respektive wissenschaftlichen Leistungen befähige.

Stattdessen untersuchen die sich in den 1980er Jahren etablierenden Gender Studies die Geschlechterverhältnisse als konstruierte sowie selbst konstruierende Bedingungen des Sozialen. Dabei fokussieren sie insbesondere, wie die Kategorie Geschlecht, neben anderen zentralen Kategorien wie class oder age, mit Machtverhältnissen verwoben ist, aus denen Ungleichheit und Asymmetrien innerhalb des Sozialen resultieren, wie beispielsweise gender pay gaps, d. h. Einkommensunterschiede aufgrund des Geschlechts.

Insbesondere in der Nachfolge der amerikanischen Theoretikern Judith Butler (queer-theory) und ihrer sehr einflussreichen Schriften Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity (1990) und Bodies that matter (1993) erfährt die Binarität von sex und gender jedoch auch innerhalb der Gender Studies vehemente Kritik. Dabei wird von Butler kritisiert, dass zwar die Konstruiertheit des sozialen Geschlechts richtig erkannt wurde, das biologische Geschlecht – und folglich auch die normative Zweigeschlechtlichkeit – im Zuge der Oppositionssetzung von sex und gender dabei jedoch zugleich als naturgegeben und damit unabänderlich festgeschrieben worden sei.

Dem entgegen verweist Butler darauf, dass auch das biologische Geschlecht als performativer Effekt einer diskursiven Praxis verstanden werden muss. Nicht die Natur geht der Kultur voraus, sondern unsere Vorstellung von Natur, auch deren scheinbare Vorgängigkeit, ist immer schon kulturell codiert, d.h. von gesellschaftlichen Wertvorstellungen, (Macht-)Strukturen und vor allem erkenntnistheoretischen Paradigmen geprägt, und damit, wie auch die Geschichte zeigt, veränderbar.

Das heißt nicht, dass der biologische Körper sowie dessen Geschlechtsmerkmale nicht unabhängig kultureller Codierung bestünden, jedoch, dass diese nicht in ihrer Prädiskursivität erfahrbar sind, da alle Erfahrung immer schon diskursiv strukturiert ist. Die strikte Gegenüberstellung von sex und gender wird unter dieser Perspektive gewissermaßen obsolet.

 

Genderkompetenz

Unter Genderkompetenz versteht man die Fähigkeit und Sensibilität geschlechterrelevante Problemstellungen zu erkennen, um darauf aufbauend die berufliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter zu fördern. Sie schließt somit das Bewusstsein für soziale Benachteiligung aufgrund der Kategorie Geschlecht sowie die Einsicht in die prinzipielle Veränderbarkeit von Geschlechterrollen und -verhältnissen ein.

In dem Wissen um die konstituierende Macht von Sprache bedeutet Genderkompetenz darüber hinaus auch die Sensibilität und Aufmerksamkeit gegenüber jeglicher Form sprachlicher Diskriminierung und Exklusion.

 

Mag.a Dr.in Rosemarie Brucher, 2014

 

 

 

Literatur (Auswahl):

Bauer, Ingrid / Neissl, Julia  (Hg.): Gender Studies. Denkachsen und Perspektiven der Geschlechterforschung. Innsbruck : Studienverlag, 2002.

Braun, Christina v.;  Stephan, Inge (Hg.): Gender Studien. Eine Einführung.  Stuttgart : J. B. Metzler Verlag, 2000.

Butler, Judith. Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. London: Routledge, 1990.

Dies.: Bodies That Matter. On The Discursive Limits Of Sex. London: Routledge, 2011.

Casale, Rita; Rendtorff, Barbara (Hg.): Was kommt nach der Genderforschung? Zur Zukunft der feministischen Theoriebildung. Bielefeld: transcript, 2008.

Schößler, Franziska: Einführung in die Gender Studies. Berlin: Akademie Verlag, 2008.

Steffen, Therese Frey: Gender. Leipzig/ Stuttgart: Reclam, 2006.

 


[1] Butler, Judith: Bodies That Matter. On The Discursive Limits Of “Sex”. London: Routledge, 2011, S. 59