Johanna Seelig

Johanna Seelig

Johanna Seelig
Flügel von Johanna Seelig (befindet sich noch immer in Familienbesitz)

 

Johanna Ludovika Maria Seelig, genannt Hansi, wurde am 13. Mai 1891 als drittes von drei Kindern (Friedrich, geboren 1886 und Alexander, geboren 1887) von Alexander (8.6.1855 in Prag bis 19.5.1923) und Ludovika (6.6.1864 in Graz bis 20.1.1960 in Graz) Seelig in Wien geboren.[1] Der Vater war Angestellter der Postdirektion und wurde 1906 nach Graz versetzt. Nachdem Johanna Seelig die Volks- und Bürgerschule absolviert hatte, widmete sie sich dem Musikstudium und erhielt ihre erste musikalische Ausbildung bei Professor Paul Schmidt. Bei ihm erhielt sie Unterricht in Musiklehre, Musikgeschichte und Gesang sowie auch in Rhythmik und Harmonielehre.[2] In den Schul- und Konzertberichten des Musikvereins für Steiermark wird sie im Bericht über das Schuljahr 1908/1909 erstmals als Schülerin erwähnt. Im ersten Jahr belegte Johanna Seelig zusätzlich zum Hauptfach Klavier die Nebenfächer Musiktheorie und Musikgeschichte. Bis zum Schuljahr 1913/1914 wird sie als Schülerin in den Berichten genannt. Ab ihrem zweiten Jahr an der Schule des Musikvereins belegte sie zusätzlich zu den Fächern Musiktheorie und Musikgeschichte noch das Fach Chorgesang.[3]  Bereits im Schuljahr 1911/1912 war sie erstmals Vertretungslehrerin im Fach Klavier an der Schule des Musikvereins.[4]

Am 27. April 1911 legte Johanna Seelig die Staatsprüfung für das Musiklehramt an Mittelschulen und Lehrerbildungsanstalten an der Akademie in Wien ab.  Danach besuchte sie noch musikwissenschaftliche Kurse in Wien und Graz, insbesondere die "Übungen und Kurse am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Graz in den Jahren 1934 und 1935".[5] Allerdings gab es in den Jahren 1934 und 1935 noch kein Institut für Musikwissenschaft an der Universität Graz. In den 1930er Jahren wurden dennoch an der philosophischen Fakultät verschiedene Kurse angeboten, 1938 wurde eine „Kommission für Musikangelegenheiten“ eingerichtet und im Herbst 1940 trat Dr. Herbert Birtner seinen Dienst an und baute ein Institut auf.[6]

Nach Ablegung der Staatsprüfung für das Musiklehramt an Mittelschulen und Lehrerbildungsanstalten nahm Johanna Seelig Privatstunden bei Hugo Kroemer (1888-1971)[7] und wurde Klavierlehrerin an der Schule des Musikvereins für Steiermark.[8] Durch den Ausbruch des 1. Weltkriegs und dem damit verbundenen Einrücken vieler Lehrer kam es zu einer Knappheit an Lehrkräften. Daher wurden Hilfslehrer und Hilfslehrerinnen eingestellt. Oft waren diese ehemaligen Schüler oder Schülerinnen, welche für ihre Lehrtätigkeiten stundenweise entlohnt wurden. Unter diesen war auch Johanna Seelig, die mit Unterricht in Methodik, Kammermusik und Klavier beauftragt wurde.[9] Den Schul- und Konzertberichten des Musikvereins ist zu entnehmen, dass Johanna Seelig von 1915 bis 1919 als „provisorische Hilfskraft“ an der Musikvereinsschule angestellt war.[10]

Zusätzlich absolvierte sie einen Krankenpflegekurs und arbeitete nach Kriegsausbruch auch als Krankenpflegerin. 1919 verließ Johanna Seelig die Musikvereinsschule und baute sich als Existenzgrundlage eine Privatpraxis auf und hielt diese bis 1934. In diesen und den folgenden Jahren bildete sich auch ihr künstlerisches und pädagogisches Profil aus. Als Konzertsolistin wirkte sie vor allem als Interpretin älterer Musik, bildete aber auch ihre kammermusikalischen Qualitäten weiter aus. Als Mitglied im sogenannten Grazer Trio (Johanna Seelig – Klavier, Herta Günthert – Violine und Paul Prohazka – Cello), gehörte sie einer wichtigen Kammermusikformation des steierischen Musikschulwerks an.[11]

Im September 1934 nahm Johanna Seelig ihre Lehrtätigkeit wieder auf und wurde Lehrerin für Klavier am Konservatoriums des Musikvereins für Steiermark (später Landesmusikschule und nach 1945 Steiermärkisches Landeskonservatorium). Dort war sie von nun an ohne Unterbrechung tätig und wurde aufgrund ihrer verdienstvollen Tätigkeiten und Leistungen in den Bereichen Jugendmusikerziehung, Ensemblespiel und Kammermusik im Jahre 1954 auf Antrag der Steiermärkischen Landesregierung zur Professorin ernannt.[12]

Als in Graz-Eggenberg die Hochschule für Musikerziehung (1939-1945) geschaffen wurde, übernahm sie die Leitung des Bereichs der musikalischen Jugendbildung.[13] Dem Eggenberger Matrikenbuch zufolge hatte Johanna Seelig vom Sommersemester 1939 an eine Klavierklasse in der sie zum überwiegenden Teil Klavierschülerinnen unterrichtet.[14] Ein Grund hierfür mag sein, dass viele junge Männer zum Kriegsdienst einberufen wurden. Als es 1948 zur Gründung des Seminars für Musikerziehung kam, wurde Johanna Seelig die stellvertretende Leiterin desselben und führte ebendort den Lehrgang für elementare Klavierpädagogik.[15] Bis etwa 1956/1957 war Johanna Seelig als Lehrerin für Klavier angestellt.[16] Nachdem sie in den Ruhestand ging, übernahm sie die musikalische Grundausbildung im Kinderdorf Stübing (Stmk.). Sie war nun über 60 Jahre alt und pflegte zu dem auch ihre Mutter, was ihr viel Kraft gekostet haben durfte. Altersbedingte Probleme mit den Augen und den Ohren erschwerten Johanna Seelig zunehmend ihre Tätigkeiten.[17] Der Eggenberger Chronik 56 zufolge verbrachte Johanna Seelig ihre letzten Jahre, ab etwa 1971, in einem Altenheim. Zunehmende Sorgen bereitete ihr auch ihr immer schlechter werdendes Augenlicht.[18] Schließlich verstarb Johanna Seelig 86-jährig am 25. September 1977 in Graz.[19]

Johanna Seeligs wirken in Graz war ein sehr vielfältiges Wirken. Mit den Einrichtungen der Grazer Musikausbildung war sie Zeit ihres Lebens eng verbunden, aber auch zum Grazer Musikleben außerhalb der Institutionen trug sie vieles bei. Sie war nicht nur als Pianistin im Grazer-Trio tätig, wo sie mit  Herta Günthert und Paul Prohazka alte wie neuere Musik aufführten, sie wirkte auch viele Jahrzehnte als Musikpädagogin an den verschiedenen Einrichtungen der Grazer Musikausbildung und veranstaltete zudem auch Hauskonzerte, bei denen sie regelmäßig auch mit Bekannten aus ihrer Zeit an der Musikhochschule in Eggenberg musizierte.

Die Quellenlage zu Johanna Seelig und ihrem Wirken ist sehr dünn. In den diversen Schul- und Konzertberichten des Musikvereins für Steiermark und den Hochschulberichten der Hochschule für Musikerziehung in Graz Eggenberg wird Johanna Seelig vorwiegend nur namentlich als Schülerin und später als Lehrerin genannt. Gleich stellt sich der Sachverhalt in den Schriften über den Musikverein dar. Durch die namentliche Nennung Johanna Seeligs in den verschiedenen Berichten lässt sich aber gut rekonstruieren, wie lange Johanna Seelig Schülerin in der Musikvereinsschule war und in welchem Zeitraum sie als Lehrerin tätig war. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin für Klavier und Konzertpianistin veranstaltet Johanna Seelig auch Hauskonzerte bei ihr zuhause im Lindenhof. Die Eggenberger Chronik 17 vom Juni 1948 berichtet davon, dass die Hauskonzerte bereits eine „ständige Einrichtung“ waren. 1948 fanden u.a. ein Trioabend, eine Bachstunde und eine „Mozartkammermusik“ statt. Mitwirkende bei diesen Hauskonzerten waren auch andere ehemalige Eggenberger wie beispielsweise Traute Neumann, Trude Graf, Edi Stöckel, Ria Valzachi und Eva Tostoschejew-Gmeindl.[20] Nähere Auskunft zur Biographie und den Personaldaten geben diverse Dokumente aus verschiedenen Archiven, wie etwa aus dem österreichischen Staatsarchiv und dem Stadtarchiv Graz. Die Suche nach den Personaldokumenten zu Johanna Seelig wird zusätzlich dadurch erschwert, dass, laut dem Antrag auf Auszeichnung durch Verleihung des Berufstitels Professor aus dem österreichischen Staatsarchiv, ihr Personalakt im April 1945 vernichtet wurde.[21]

Eine weitere interessante Quelle bilden die 60 Eggenberger Chroniken (1945-1975). Die Chroniken bis 1953 sollten ehemalige Lehrende und Studierende wieder zusammenführen und zeigen, welchen Einfluss die Eggenberger Absolventen von 1939 bis 1944 im in- und ausländischen Musikleben hatten. Ab 1954 erscheinen die Chroniken eher als rückblickende Berichte mit vielen persönlichen Nachrichten über Absolventen und Absolventinnen wie auch über ehemalige Dozenten und Dozentinnen. So finden sich in nun u.a. auch zahlreiche Nachrichten über Eheschließungen, Nachwuchs und Sterbefälle und Berichte über immer wieder stattfindende Treffen der ehemaligen Eggenberger.

 


[1] Vgl. Mitteilung über Sterbefall 283/IX – Johanna Seelig, Stadtarchiv Graz; vgl. auch Volkszählung 1910, Eintrag 22058 – Alexander Seelig, Nr. 22058, Stadtarchiv Graz; vgl. auch Matriken der Diözese Graz-Seckau,Taufbuch XVI 1859-1870, Graz-St. Leonhard, S. 180 [online verfügbar: matriken.graz-seckau.at/flashbook, 9.12.2017].

[2] Vgl. Johanna Seelig zum Gedenken, in: Teilnachlass Erich Marckhl, Persönlich Bezogenes, Archiv der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz: UAKUG_TEM_B12_H75_06.; vgl. auch Amt der Steiermärkischen Landesregierung (Landesdirektion), Johanna Seelig, Musikpädagogin, Graz, Erwirkung des Professorentitels, 27. Mai 1952, Österreichisches Staatsarchiv: ÖStA/ADR, PK, GZ 5.732/1954. Aus den Konzertprogrammen der Musikvereinsschule und des Konservatoriums im Archiv des Musikvereins für Steiermark geht hervor, dass sie Mitglied der Klavierklasse von Professor Paul Schmidt war, vgl. hierzu u.a. Konzertprogramm vom 27. März 1912.

[3] Vgl. Schul- und Konzertberichte des Steiermärkischen Musikvereins in Graz 1909/1910 bis 1913/1914.

[4] Vgl. Schul- und Konzertbericht des Steiermärkischen Musikvereins in Graz, für das Schuljahr 1911-1912, Graz 1912.

[5] Vgl. Amt der Steiermärkischen Landesregierung (Landesdirektion), Johanna Seelig, Musikpädagogin, Graz, Erwirkung des Professorentitels, 27. Mai 1952, Österreichisches Staatsarchiv: ÖStA/ADR, PK, GZ 5.732/1954.

[6] Vgl. Rudolf Flotzinger, 50 Jahre Institut für Musikwissenschaft, Graz 1990, S. 28-29, 32, 39, 47-49.

[7] Hugo Kroemer wurde 1912 von Roderich von Mojsisovics als Klavierlehrer nach Graz geholt. 1934/1935 war er Präsident des Steirischen Tonkünstlerbundes. Vgl. Andrea Harrandt, Art. Kroemer, Hugo, in: Oesterreichisches Musiklexikon online [online verfügbar: www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_K/Kroemer_Hugo.xml ,6.12.2017].

[8] Vgl. Johanna Seelig zum Gedenken, Archiv der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz: UAKUG_TEM_B12_H75_06.

[9] Vgl. Mona Silli, Chronik des Johann-Joseph-Fux-Konservatoriums. Die musikgeschichtliche Entwicklung der Instrumentalmusikerziehung von 1815 bis zur Gegenwart, Band I, Dissertation, Graz 2009, S. 61; vgl. auch Schul- und Konzertbericht des Steiermärkischen Musikvereins in Graz, 101. Vereinsjahr, für das Schuljahr 1915-1916, Graz 1916.

[10] Vgl. Schul- und Konzertberichte des Steiermärkischen Musikvereins in Graz 1915/16 bis 1918/1919.

[11] Vgl. Johanna Seelig zum Gedenken, Archiv der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz: UAKUG_TEM_B12_H75_06; vgl. auch Mona Silli, Chronik des Johann-Joseph-Fux-Konservatoriums, S. 130-131.

[12] Vgl. Geschichte der KUG [online verfügbar: www.kug.ac.at/ueber-die-universitaet/ueber-die-universitaet/geschichte-der-kug.html, 6.12.2017]; vgl. auch Bundesministerium für Unterricht, Antrag auf Auszeichnung durch Verleihung des Berufstitels Professor, Österreichisches Staatsarchiv: ÖStA/ADR, BMU/Hauptreihe (2.), Signatur 29A-Titel „Seelig“, GZ 78.809/1953.

[13] Vgl. Johanna Seelig zum Gedenken, Archiv der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz: UAKUG_TEM_B12_H75_06.

[14] Vgl. Hauptbuch der Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musikerziehung in Graz-Eggenberg 1939 –1944, Eggenberger Matrikenbuch, Archiv der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz.

[15] Vgl. Geschichte der KUG [online verfügbar: www.kug.ac.at/ueber-die-universitaet/ueber-die-universitaet/geschichte-der-kug.html, 6.12.2017]; vgl. auch Bundesministerium für Unterricht, Antrag auf Auszeichnung durch Verleihung des Berufstitels Professor, Österreichisches Staatsarchiv: ÖStA/ADR, BMU/Hauptreihe (2.), Signatur 29A-Titel „Seelig“, GZ 78.809/1953.

[16] Vgl. Mona Silli, Chronik des Johann-Joseph-Fux-Konservatoriums, S. 191.

[17] Vgl. Johanna Seelig zum Gedenken, Archiv der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz: UAKUG_TEM_B12_H75_06; vgl. auch Felix Oberborbeck, Eggenberger Chronik 33, Januar 1959, Nachlass Felix Oberborbeck, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover: Oberborbeck 33, 2. Teil.

[18] Felix Oberborbeck, Eggenberger Chronik 56, März 1971, Nachlass Felix Oberborbeck, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover: Oberborbeck 33, 2. Teil.

[19] Vgl. Mitteilung über Sterbefall 283/IX – Johanna Seelig, Stadtarchiv Graz.

[20] Vgl. Johanna Seelig, Grazer Chronik 2, in: Eggenberger Chronik 17, Juni 1948, Nachlass Felix Oberborbeck, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover: Oberborbeck 33, 1. Teil.

[21] Vgl. Bundesministerium für Unterricht, Antrag auf Auszeichnung durch Verleihung des Berufstitels Professor, Österreichisches Staatsarchiv: ÖStA/ADR, BMU/Hauptreihe (2.), Signatur 29A-Titel „Seelig“, GZ 78.809/1953.