Frauen in der Geschichte der Musikausbildung und des Musiklebens in Graz - Porträts und Kontexte

Portrait Marie Pachler-Koschak

Portrait Gabriele Wietrowetz

Portrait Anna Hansa

Portrait Johanna Seelig

 

In der Geschichte der Musikausbildung und des Musiklebens in Graz nehmen Frauen eine wichtige Rolle ein. Sie hatten Anteil an der Gründung und Entstehung des Steiermärkischen Musikvereins und zählten zu dessen Mitgliedern und Ehrenmitgliedern. [1] Sie waren Schülerinnen oder Lehrende der Musikvereinsschule und ihren Nachfolgeinstitutionen. Nicht alle waren Künstlerinnen, viele waren Ehefrauen oder Witwen, Guts- oder Hausbesitzerinnen, Lehrerinnen oder Privatpersonen. Im Kultur- und Musikleben der Stadt zeigten sie Präsenz, auch wenn ihre Spuren zum Teil verschwunden oder erst wieder mühsam aufzunehmen sind. [2]

Ingeborg Harer hat diese Situation im Jahr 2003 treffend beschrieben (auch wenn inzwischen immer mehr Archive und Datenbanken angelegt werden bzw. die Notwendigkeit der Aufarbeitung international erkannt wird) [3]: Die „tatsächliche, anhand von Quellenstudien wiederhergestellte Sichtbarkeit der Frauen im Kulturleben der Vergangenheit steht im krassen Gegensatz zur Unsichtbarkeit in der Musikgeschichte. Das Fehlen von Frauengeschichte innerhalb der Musikgeschichte ist auf die simple Tatsache zurückzuführen, dass das Thema ‚Frau und Musik‘ ursprünglich keine Kategorie innerhalb der Musikwissenschaft darstellte. Das bedeutet, dass diese Kategorie auch gegenwärtig in Archiven und Bibliotheken fehlt, wenn es darum geht Daten und Fakten aus der musikalischen Vergangenheit zu erheben. Betätigungsfelder und Aktivitäten von Frauen wurden von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht systematisch gesammelt, katalogisiert oder verschlagwortet. Die Suche nach Daten gestaltet sich daher schwierig und kann nur auf Umwegen erzielt werden.“ [4]

Mit der Porträtierung von vier Künstlerinnen aus der Geschichte der Musikausbildung und des Musiklebens in Graz wird exemplarisch die Bedeutung von vier Frauen für diesen Kontext erarbeitet. Marie Pachler (geb. Koschak) gehört zu den Musikerinnen, die in der Gründungszeit des Steiermärkischen Musikvereins in Graz aktiv waren. Mit befreundeten Gelehrten und ihrem Mann Karl vereinte sie die Schaffung eines künstlerischen Netzwerks, das unter anderem Beethoven und Schubert einschloss. Marie Pachler „kann als die bedeutendste Frau im Grazer Geistesleben der Biedermeierzeit bezeichnet werden.“ [5]

Die gefeierte und international bekannte Violinvirtuosin Gabriele Wietrowetz wurde an der Musikschule des Musikvereins ausgebildet. Über ihre Zeit als Schülerin in Graz gab es bislang kaum Informationen, weil ihr späteres Studium bei Joseph Joachim und ihre Tätigkeit in Berlin im Vordergrund stand. Gabriele Wietrowetz steht beispielhaft für eine Schülerin der Musikvereinsschule in Graz, an der sich in den 1870er Jahren die Ausbildung von Violinisten und Violinistinnen konsolidierte und zunehmend professionalisierte. [6]

Auch die bislang vorhandenen Kenntnisse über die Sängerin Anna Hansa (geb. Jahn) sind spärlich, obwohl sie als (verheiratete) Lebensgefährtin und Muse des Komponisten Joseph Marx dazu beigetragen hat, seine Musik beziehungsweise vor allem seine Lieder in Graz bekannt zu machen. Anna Hansas Weg als Sängerin ist jedoch vollkommen unterbelichtet. Ob sie nun als Künstlerin oder als Wegbereiterin des Komponisten Marx geehrt wurde, 1958 ernannte sie der Musikverein zum Ehrenmitglied. Damit setzte sie die Reihe der Sängerinnen fort, die diese Ehrung erhielten. Sie begann 1818 mit der Sopranistin Therese Sessi sowie 1824 mit der berühmten Sängerin Henriette Sontag und schloss weitere namhafte Sängerinnen ein.

Die Pianistin Johanna Seelig ist als Schülerin und Lehrerin mit der Musikvereinsschule und ihren Nachfolgeinstitutionen eng verbunden. Bei ihr lässt sich eine kontinuierliche Tätigkeit verfolgen, die auch ihre Position als planmäßige Lehrerin der Landesmusikschule im „Steirischen Musikschulwerk“ (1939/40) und als Lehrkraft der „Staatlichen Hochschule für Musikerziehung in Graz“ (seit 1939) einschloss. Nach 1945 arbeitete sie weiter als Lehrerin am Steirischen Landeskonservatorium. Sie blieb in regelmäßiger Verbindung mit dem ehemaligen Direktor der „Staatlichen Hochschule für Musikerziehung in Graz“ Felix Oberborbeck sowie mit einem Netzwerk der ehemals dort Lehrenden und Studierenden. [7]

Die Nachforschungen zu vier Künstlerinnen, die in der Geschichte der Musikausbildung und des Musiklebens von Graz in unterschiedlicher Weise bedeutsam waren, erfolgten exemplarisch. Vier Studierende haben teilweise bereits gelegte Spuren weiterverfolgt oder ganz neue Kenntnisse gewonnen. Mit Marie Pachler beschäftigt sich Ulrike Fischer, zu Gabriele Wietrowetz forscht BA Sarah Nabjinsky. Neues zu Anna Hansa erkundet BA Karin Fachberger, über Johanna Seelig arbeitet erstmals BA BA MA Marlene Schmaranzer. Eine Erweiterung des Projekts ist geplant.

 

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[1] Vgl. Julia Eder, Die Bedeutung von Frauen in der Geschichte des Musikvereins Steiermark, in: Musikverein200. Im Jahrestakt. 200 Jahre Musikverein für Steiermark, hg. von Michael Nemeth in Zusammenarbeit mit Susanne Flesch, Wien, Köln, Weimar 2015, S. 67-70.

[2] Vgl. dazu Künstlerinnen auf ihren Wegen. Texte und Dokumentation einer Ausstellung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, von Ingeborg Harer und Karin Marsoner, Graz 2002, und Ingeborg Harer/Karin Marsoner, Künstlerinnen auf ihren Wegen. Ein „Nachtrag“. Zur Geschichte des Grazer Musiklebens im 19. Jahrhundert (Grazer Gender Studies 9), Graz 2003. Vgl. auch Geschichte der Frauen in der Steiermark. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, hg. von Karin M. Schmidlechner u.a., Graz 2017, insb. Kapitel „Frauen-Kultur-Landschaften“, S. 322-329.

[3] Vgl. etwa mugi.hfmt-hamburg.de oder www.sophie-drinker-institut.de/cms/index.php/lexikon (beide zuletzt ges. 08.02.2018).

[4] Ingeborg Harer/Karin Marsoner, Künstlerinnen auf ihren Wegen. Ein „Nachtrag“. Zur Geschichte des Grazer Musiklebens im 19. Jahrhundert (Grazer Gender Studies 9), Graz 2003, S. 54.

[5] Ingeborg Harer, Art. „Pachler, Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, (http://www-1musiklexikon-1ac-1at-1000011tn000b.han.kug.ac.at/ml/musik_P/Pachler_Familie.xml). Zugriff: 29.1.2018.

[6] Vgl. Ferdinand Bischoff, Chronik des Steiermärkischen Musikvereins. Festschrift zur Feier des fünfundsiebenzigjährigen Bestandes des Vereines, Graz 1890, S. 188f.

[7] Vgl. Helmut Brenner, Musik als Waffe? Theorie und Praxis der politischen Musikverwendung, dargestellt am Beispiel der Steiermark 1938-1945, Graz 1992, S. 128, 145, 255.

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