Künstlerin des Monats Mai 2022: Philippine Schick

Philippine Schick (1893-1970)

Ihre Jugend und Erziehung lassen sich eindeutig als bildungsbürgerlich bezeichnen: Musikalischer Unterricht, wie das Klavierspiel, das sie mit 8 Jahren begann und später noch durch Violine ergänzte, war in diesem Kontext – also etwa einer soliden sprachlichen Ausbildung, die ebenso Latein und Altgriechisch, neben einem Studium literarischer Werke, usw. umfasste – nur ein Teil von vielen anderen Bereichen. Ebenso unternahm sie in ihrer Jugendzeit diverse Reisen, unter anderem nach New York, wohin sie ihren Vater begleitete. Der Vater, Joseph Schick, lehrte an der Universität München das Fach Anglistik, während die Mutter, Mary Schick (geb. Butcher), eine Engländerin mit musikalischer Ausbildung war. Diese zweisprachige Konstellation des Elternhauses sollte für Philippines späteres Leben immer wieder eine Rolle spielen, besonders nachdem sie sich 1956 vollkommen aus dem Komponieren zurückgezogen hatte. Einer musikalischen Karriere für Philippine, insbesondere im Bereich der Komposition, stand Joseph Schick mit einigem Widerstand gegenüber. Musik war Teil und nicht Zweck ihrer Erziehung; ein Dasein Philippines als Lehrerin bzw. als Berufstätige in einem solideren Bereich war für ihn ein weitaus sinnvolleres Unterfangen, wo auch das Vorurteil, Frauen wären zum Komponieren weniger begabt, eine Rolle spielte.

Erst mit Beginn des ersten Weltkriegs inskribierte sie sich zunächst im Fach Klavier und später Komposition an der Akademie der Tonkunst in München. Der Vater war zu dieser Zeit als Soldat in den Krieg eingezogen worden und Philippine nutzte dessen Absenz – denn von Mary Schick, ihrer Mutter, erhielt sie durchaus Unterstützung hinsichtlich ihres Wunsches Komponistin zu werden –, um sich dessen Widerstand zu entziehen. Klavier studierte sie bei Hermann Zilcher (1881-1948) und Komposition bei Friedrich Klose (1862-1942). Nachdem sie 1919 ihre Studien an der Akademie abgeschlossen hatte, rang sie um Anerkennung innerhalb der Münchner Musikkreise der Zeit, was sie auch zu Hermann Wolfgang Sartorius von Waltershausen (1882-1954) führte, von dem sie zunächst ein Urteil über ihre Werke einholen wollte, wonach er ihr aber über vier Jahre hinweg (1921-1925) privaten Unterricht im Kontrapunkt gab. In dieser Zeit entstand auch ihr Klavierkonzert, op. 10. Davor hatte sie bereits eine gewisse Bekanntheit durch ihr Liederschaffen, welches sie sehr oft im Konzert selbst am Klavier begleitete, erringen können. Der Schritt zur Instrumentalmusik war für sie von signifikanter Bedeutung für ihre Selbstwahrnehmung als Musikschaffende, da sie in der Definition einer Komponistin sehr hohe Maßstäbe abverlangte; in ihrem späteren Vortrag Die Frau als Komponistin zeigen sich diese Ansprüche, wo sie auch musikschaffenden Frauen, die etwa größtenteils im Bereich der Lied- und Klavierkomposition tätig waren – sie nennt u.a. auch Clara Schumann in diesem Kontext –, beinahe den Komponistinnenrang abspricht. Franzpeter Messmer verweist daher in seinem Aufsatz über Schicks Instrumentalmusik, dass das Ausarbeiten eines instrumentalen Œuvres für sie ein unumgänglicher Schritt war, um sich im Musikleben der Zeit zu bewähren. Generell kann man aus Schicks Aufsatz auch die enorme psychische Belastung, welche durch die Konfrontation mit der männlich dominierten Komponistenszene, besonders in München, auf sie eingewirkt haben muss, da sie sehr viele Klischees, die generell über Komponistinnen geäußert wurden (und leider noch werden), darin selbst wiedergibt.

Philippine Schick heiratete Waltershausen 1927, wenn die Ehe auch 1933 wieder geschieden werden sollte. Diese Zeit war überaus beanspruchend, da ihr Ehemann sie einerseits in die Position der Hausfrau drängte, andererseits die Geburt der gemeinsamen Tochter im Jahr 1928 ihr noch zusätzlich die Rolle einer Mutter abverlangte. Tatsächlich komponierte sie in dieser Zeit überaus schnell und nur wenn Hermann Wolfgang von Waltershausen, der ebenso im akademischen Musikbetrieb tätig war, Vortragsreisen unternahm. Ein wichtiges Werk, nämlich die Kantate Der Einsame an Gott, op 17, u.a. nach Texten Rückerts, entstand 1927, also bereits während ihrer Ehe. Es ist eines der meistaufgeführten Werke der Komponistin gewesen und erschien auch 1929 im Druck. Ein Jahr vor ihrer Scheidung wurde sie Mitbegründerin der GEDOK-Zweigstelle in München. Die Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnen aller Kunstgattungen wurde bereits 1926 von Ida Dehmel in Hamburg gegründet und mit der Etablierung der Münchner Abteilung konnte Philippine Schick, die als Musikfachbeirätin dort tätig war, einerseits ihren eigenen Werken, aber auch denjenigen von anderen Komponistinnen, mehr Geltung und Präsenz verschaffen. Ebenso begann sie vermehrt in Zeitschriften zu publizieren bzw. Vorträge innerhalb Deutschlands zu halten. Ab 1933, nach der Scheidung von ihrem Ehemann, kam dem Instrumentalwerk wieder mehr Relevanz zu. Es entstanden etwa die Norwegische Suite für Violine und Klavier, op. 33, die Schottische Tanzsuite für kleines Orchester, op. 36, ein Klaviertrio und die Vier Intermezzi für Klavier, op. 31. Letzteres wurde ebenso eines von Schicks bekanntesten und meistaufgeführten Werken.

Während der Zeit des Nationalsozialismus war sie, neben ihrer Tätigkeit als Klavierpädagogin, Korrepetitorin, und Mitarbeiterin der GEDOK, eine überaus prominente und erfolgreiche, freiberufliche Komponistin, ohne aber der NS-Ideologie nahezustehen. Der Großteil ihres Schaffens entstand zwischen 1933 und 1944, sogar eine Oper mit dem Titel Severina war von ihr geplant, doch führte sie diese aus verschiedenen Gründen nie fertig aus, wodurch sie nur im Particell erhalten ist. Einer dieser Gründe sollte sie aber generell in eine Schaffenskrise bringen und zwar der Krieg. Die Möglichkeiten, größere Werke aufzuführen, wurden mit Verlauf des zweiten Weltkrieges immer geringer; zusätzlich starben ihre Mutter und ihr Vater in dieser Zeit; das Elternhaus und ihre eigene Wohnung wurden durch Bombenangriffe zerstört.

Nach dem Kriegsende, konnte sie sich mit ihren Englischkenntnissen durchschlagen. Beispielsweise arbeitete sie im Zuge der Entnazifizierung für die Besatzungsregierung der Vereinigten Staaten. Sie erhielt zwar sehr bald eine Stelle als Unterrichtende an der Universität München – in den Fächern Englisch und Musiktheorie –, aber kompositorisch sollte sie erst wieder ab 1948 tätig sein. Dies hatte auch mit einer Distanzierung ihrerseits von ihrem Erfolg während NS-Regimes zu tun, was sich unter anderem dadurch zeigte, dass sie Orchesterstimmen älterer Werke schlichtweg wegwarf. Ab 1948 begann sie aber eine Neuorientierung, nachdem sie eine öffentliche Kompositionsstunde von Hermann Heiß (1897-1966) besucht hatte. Heiß, der sowohl ein Schüler von Josef Matthias Hauer war, als auch einen Bezug zum Umfeld der neuen musikalischen Tendenzen u.a. in Darmstadt hatte, unterrichtete Schick über einen langjährigen Briefwechsel in der Zwölftontechnik nach Hauer. Jedoch übernahm Philippine Schick ebenso Ideen aus dem Umfeld Arnold Schönbergs. Nur drei Werke sollte sie in dieser Technik komponieren: Den Christan Morgenstern-Zyklus für hohe Stimme, op. 51, die Metamorphosen für Klavier, op. 52 und die Sententiae Latinae für gemischten Chor, op. 53. Es sollte bemerkt werden, dass sie diese Werke auch mit einer neuen Nummerierung bei der Opuszahl versehen wollte, also op. 51 eigentlich ihr neues op. 1 bildet, was wohl aus dem Interesse der Distanzierung von früheren Werken stammt. Diese neuen Werke wurden aber nicht wirklich vom Musikleben der Nachkriegszeit aufgenommen, während man dagegen ihre älteren Stücke bevorzugte. Neben anderen Ursachen, z.B. gesundheitlichen Problemen und ihrem doch schon sehr hohen Alter, führte das dazu, dass sie das Komponieren um 1956 – davor hatte sie auch schon die Zwölftontechnik distanzierter betrachtet – aufgab und nur noch als Englischlehrerin und auch Autorin bis zu ihrem Tod 1970 tätig war.


Quellen:

Brühs, Regina / [Reitzer, Regina]: Philippine Schick. Leben und Wirken, in: Suder, Alexander (Hg.): Philippine Schick, Tutzing 2005 (Komponisten in Bayern 46), S. 13-43.

Keil, Ulrike: Art. Philippine Schick, in: Munzinger Online/Komponisten

der Gegenwart, o.J. [online verfügbar; URL: www.munzinger.de/document/17000000506; zuletzt abgerufen am 19.04.2022].

Messmer, Franzpeter: Philippine Schicks Instrumentalmusik, in: Suder, Alexander (Hg.): Philippine Schick, Tutzing 2005 (Komponisten in Bayern 46), S. 91-106.

Reitzer, Regina: Das vokale Schaffen von Philippine Schick, in: Suder, Alexander (Hg.): Philippine Schick, Tutzing 2005 (Komponisten in Bayern 46), S. 65-89.

Reitzer, Regina: Art. Schick, Philippine, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken,

Kassel, Stuttgart, New York, 2016, zuerst veröffentlicht 2005, online veröffentlicht 2016 [online verfügbar; URL: www-1mgg-2online-1com-1000046ea012a.han.kug.ac.at/mgg/stable/25858; zuletzt abgerufen am 20.04.2022].

Schick, Philippine: Die Frau als Komponistin, in: in: Suder, Alexander (Hg.): Philippine Schick, Tutzing 2005 (Komponisten in Bayern 46), S. 45-51.

Foto Credits: 

Philippine Schick, etwa 1965 ( Foto Horst Leuchtmann), in: Suder, Alexander (Hrsg.): Philippine Schick, Tutzing 2005 (Komponisten in Bayern 46), S. 62.

Die Komponistin am Flügel, vermutlich 30er Jahre (Foto Daeschner, Augsburg) Stadtbibliothek München, Monacensia. Literaturarchiv. Nachlass Waltershausen, in:Suder, Alexander (Hrsg.): Philippine Schick, Tutzing 2005 (Komponisten in Bayern 46), S. 57.

 

Text: Markus Schauermann

Philippine Schick, etwa 1965 ( Foto Horst Leuchtmann), in: Suder, Alexander (Hrsg.): Philippine Schick, Tutzing 2005 (Komponisten in Bayern 46), S. 62.
Die Komponistin am Flügel, vermutlich 30er Jahre (Foto Daeschner, Augsburg) Stadtbibliothek München, Monacensia. Literaturarchiv. Nachlass Waltershausen, in:Suder, Alexander (Hrsg.): Philippine Schick, Tutzing 2005 (Komponisten in Bayern 46), S. 57.