Künstlerin des Monats Dezember: Elisabeth Lutyens (1906 ̶ 1983)

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Die Komponistin Elisabeth Lutyens gehörte zur Ultramoderne der britischen Musik. Ihr Vater war ein berühmter Architekt, Sir Edwin Lutyens, der in England und Indien einige Prachtbauten und eine Reihe repräsentativer viktorianischer Landhäuser hinterlassen hat. Ihre Mutter war Lady Emily Bulwer-Lytton, eine hochstehende Aristokratin und Anhängerin der Theosophie. Die Pianistin Lady Constance Lytton, ihre Schwester, war eine Enkelschülerin von Clara Schumann. Mit neun Jahren komponierte Elisabeth Lutyens ihre ersten Stücke. Später wurde sie zur Weiterbildung für ein Jahr nach Paris geschickt, wo sie bei der jungen  Komponistin Marcelle de Manziarly wohnte, eine Schülerin der berühmten Lehrerin Nadja Boulanger. In Paris lernte Elisabeth Lutyens auch die Musik von Claude Debussy kennen, den sie neben Johannes Brahms als die Moderne ihrer Zeit verstand.

Von 1926 bis 1930 sowie 1932 studierte sie Viola und Violine bei Ernest Tomlinson und Komposition bei dem Kirchenmusiker Harold Darke am Royal College of Music in London.

Sie gewann 1930 den Alfred Gibson Memorial Prize für Violine und Viola. Mit einer Gruppe von jungen Studierenden (unter ihnen auch Benjamin Britten und Michael Tippett) gründete sie 1931 eine eigene Konzertreihe, die sogenannten Macnaghten-Lemare-Concerts.

Privat lernte Elisabeth Lutyens am Royal College of Music ihren ersten Mann, den Sänger Ian Glennie, kennen, beide heirateten und bekamen 1934 ihr erstes Kind. 1936 wurden dann Zwillinge geboren. Die Familie lebte 1933-1938 in der Kellerwohnung des elterlichen Hauses von Elisabeth Lutyens in der 13 Mansfield Street im Zentrum Londons.

1937/38 änderte sich die Situation für Lutyens grundlegend, als sie ihren zweiten Mann Edward Clark kennenlernte, der in Berlin ein Schüler von Arnold Schönberg gewesen war. Er hatte als Dirigent und Programmgestalter der BBC zwischen 1928 und 1935 alle führenden zeitgenössischen Komponisten nach London geholt.

1939 wurden die ersten beiden Streichquartette von Elisabeth Lutyens uraufgeführt. Einige Zeit später entdeckte sie die Zwölftonkomposition und schrieb das Chamber Concerto op. 8, Nr. 1 (uraufgeführt 1943), in dem sie die Anwendung dieser Methode ausprobierte. Es ist ein Stück in vier Sätzen für Violine, Bratsche, Cello, Trompete, Horn und Tenorposaune, Oboe, Klarinette und Fagott.

Privat dauerte die Beziehung mit Edward Clark an, 1941 kam ein weiteres Kind zu Welt, ein Jahr später wurde geheiratet. Doch Elisabeth Lutyens lebte zumeist getrennt von ihm, ihren kleinen Sohn übergab sie einer Betreuungsperson, die Kinder aus erster Ehe wurden von ihrer Familie versorgt. Sie verbrachte ihre Zeit zunehmend in Bars und Kneipen, wurde zur Alkoholikerin. Aus dieser Situation mitten im Krieg konnte sie sich durch ihre Arbeit als Komponistin für Features im Radio, von Unterhaltungsmusik und Filmmusik wieder stabilisieren. Ihre Musik schien in den 1950er und 1960er Jahren vor allem für Grusel- und Horrorgeschichten zu passen.

In der Nachkriegszeit wurde Elisabeth Lutyens allmählich zu einer geachteten Komponistin, 1969 wurde sie als „Commander of the Order of the British Empire“ (CBE) geehrt. Ihre Kompositionen repräsentierten die zeitgenössische Musik in Großbritannien, zum Beispiel ihr Vokalwerk O Saisons! O Châteaux! (1946) op. 13 nach Arthur Rimbaud für Sopran, Mandoline, Gitarre, Harfe und Streicher. Die nachfolgenden zahlreichen Werke von Lutyens umfassen weitere Kammerkonzerte und Streichquartette, viele Werke für Stimme mit Instrumentalbegleitung, Chorwerke, Klavier- und Orgelstücke sowie Orchestermusik. Einige Werke können auch als szenische Kompositionen bezeichnet werden. Bei den Instrumentalwerken mit Gesang kamen Text und Stimme mitunter erst nach der Instrumentalkomposition hinzu. Lutyens hatte ihren kompositorischen Weg gefunden und folgte ihm bis zu ihrem Tod 1983.

„Liz was undoubtedly a pioneer, if not quite the lone figure she liked to portray. At the very least, she helped significantly to establish serialism in England. She imported European ideas into a musically protectionist country, offering young composers an alternative way forward, and so insidiously changed the course of British culture“ (Meirion and Susie Harries, S. 275).

Text: Christa Brüstle

Quellen:

Elisabeth Lutyens, A Goldfish Bowl, London 1972. (Autobiographie)

Meirion und Susie Harries, A Pilgrim Soul. The Life and Works of Elisabeth Lutyens, London 1989.

Sarah Jane Tenant-Flowers, A study of style and techniques in the music of Elisabeth Lutyens, Ph.D.-Dissertation der University of Durham. 2 Bd., nicht veröffentlicht: o. A., 1991.

Catherine Roma, The choral music of twentieth-century women composers: Elisabeth Lutyens, Elizabeth Maconchy, and Thea Musgrave, Lanham 2006.

Rhiannon Mathias, Lutyens, Maconchy, Williams and twentieth-century British music. A blest trio of sirens, Farnham 2012.

Rundfunkbeitrag: Explore the life and music of Elisabeth Lutyenshttps://www.bbc.co.uk/sounds/play/p02kr5t1

Chamber Concerto op. 8, No 1: https://www.youtube.com/watch?v=XMzpPMzJ9tk

Filmmusik (Beispiel):

https://www.youtube.com/watch?v=f4Jh91G3los&list=PLFkWWbAizFsi-EGfqQo6cUFu27vBBmo41&index=3

O Saisons! O Châteaux! (1946) op. 13 nach Arthur Rimbaud für Sopran, Mandoline, Gitarre, Harfe und Streicher:

https://www.youtube.com/watch?v=5DTdUCf1yTo

String Trio op. 57 (1964), https://www.youtube.com/watch?v=A4TbviD50G