Künstlerin des Monats Mai 2021:

Grete von Zieritz

Das lange Leben der Grete von Zieritz (* 10.3.1899 Wien – † 26.11.2001 Berlin) widersetzt sich dem Versuch, in eine Schublade eingeordnet zu werden. Mit größter Hartnäckigkeit und aller Konsequenz verfolgte die Tochter eines für seine Verdienste im ersten Weltkrieg geadelten k.u.k. Berufsoffiziers ihr Ziel, sich als Komponistin durchzusetzen. Dabei erwies sie sich sowohl privat als auch gesellschaftlich als kämpferisch. Musikalisch prägende Teenagerjahre erlebte Zieritz in Graz, wo sie an der Schule des Musikvereins für Steiermark bei Hugo Kroemer am Klavier und bei Roderich von Mojsisovics in Komposition ausgebildet wurde. Ab 1917 verlagerte sich Zieritz‘ Lebensmittelpunkt dauerhaft nach Berlin, wo zunächst nur ein wenige Monate andauernder Aufenthalt geplant gewesen war, um bei Martin Krause ihre Fähigkeiten als Pianistin weiter zu vervollkommnen. Krauses Nachfolger Rudolf Maria Breithaupt sollte später nicht nur als geschätzter Lehrer und Förderer eine wichtige Rolle im Leben der Grete von Zieritz einnehmen, sondern auch als persönliche Bezugsperson: Bei der Hochzeit mit dem als Journalist und Schriftsteller tätigen Herbert Gigler stand Breithaupt der Braut als Trauzeuge zur Seite. Die Ehe, in der 1923 die später als Geigerin erfolgreiche Tochter Hedi Gigler geboren wurde, scheiterte jedoch schon nach wenigen Jahren.

Besonders ihre frühe Berliner Zeit beschrieb Zieritz, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf für eine Komponistin skeptisch sah, immer wieder als von Existenzsorgen geprägt. Einen ersten großen Erfolg feierte sie in der Weimarer Republik mit den „Japanischen Liedern“, die bis heute zu ihren bekanntesten Kompositionen zählen, noch ehe sie auf persönliche Einladung Franz Schrekers 1926 an der Berliner Musikhochschule in seine Kompositionsklasse eintrat.

Die im persönlichen Auftreten oft unkonventionelle Zieritz bewegte sich überwiegend in einem national-rechtskonservativen Umfeld. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 brachte keinen Karriereknick für sie, wie Anna-Christine Rhode-Jüchtern anhand der Quellen belegt: Vielmehr nahm sie in der Folge eine exponierte Stellung ein und wurde zu einer der Vorzeigekomponistinnen der neuen Machthaber.[1]

In der Nachkriegszeit verurteilte Grete von Zieritz die Gräuel des Naziregimes und suchte in ihren Aktivitäten wiederholt, Zeichen für den Frieden zu setzen. Seit den 1950er Jahren wurde Zieritz sowohl in Deutschland als auch Österreich mit mehreren Auszeichnungen geehrt, unter anderem 1958 mit der Verleihung des Titels Professor durch den österreichischen Bundespräsidenten und 1999 mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.  Die Zieritzgasse in Wien trägt ihren Namen.

 

Veranstaltungstipp:

Grete von Zieritz und ihre Tochter Hedi Gigler sind zwei von sechs Musikerinnen bzw. Komponistinnen, deren Nachlässe und autobiographische Schriften im Rahmen des FWF-geförderten Projekts „The Musician’s Estate as Memory Storage: Remembrance, Functional Memory and the Construction of Female Professional Identity“ (P33110-G) untersucht werden, das am ZfG verankert ist. Einen Teilaspekt beleuchtet am 17. Mai um 17:00 Projektleiterin Michaela Krucsay mit dem Vortrag „Der Tod, das Mädchen und die Geige. Imaginationen des Weiblichen als Agens bei Hedi Gigler-Dongas“. Der Vortrag findet online via Zoom statt (Link: https://kug-ac-at.zoom.us/j/92206464712?pwd=bWFZZmxTWVcvREtDNVdUVXNlMWd3UT09 (Meeting-ID: 922 0646 4712,
Kenncode: 346521))

 

Literatur:

Aigner, Rita: Grete von Zieritz. Leben und Werk, Berlin 1991.

Glüxam, Dagmar: Art. „Zieritz, Grete (Margarethe) Edle von“, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: 29.4.2021 (https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_Z/Zieritz_Grete.xml).

Herzfeld, Isabel: „,Ich bin ein Einzelkrebs‘. Grete von Zieritz: Ihr Leben umspannte das 20. Jahrhundert“, in: Neue Musikzeitung 51 Nr. 4 (2002), online, Zugriff: 29.4.2021 (https://www.nmz.de/artikel/ich-bin-ein-einzelkrebs).

Philipp, Beate: Grete von Zieritz und der Schreker-Kreis. Die Kunst des unbedingten Ausdrucks (= Veröffentlichungen zur Musikforschung 16), Wilhelmshaven 1991.

Rhode-Jüchtern, Anna-Christine: Schrekers ungleiche Töchter: Grete von Zieritz und Charlotte Schlesinger in NS-Zeit und Exil (= Berliner Musik Studien 30), Sinzig 2009.

Text: Michaela Krucsay


[1] Vgl. Anna-Christine Rhode-Jüchtern, Schrekers ungleiche Töchter: Grete von Zieritz und Charlotte

Schlesinger in NS-Zeit und Exil (= Berliner Musik Studien 30), Sinzig 2009, insb. ab S. 211ff.