Künstlerin des Monats März 2021:

Marlene Streeruwitz

Fotocredit Autorin: Marlene Streeruwitz, Foto: Heribert Corn

Die Autorin und Regisseurin Marlene Streeruwitz ist eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur. Streeruwitz arbeitet sich in ihrem literarischen Werk, das 1986 mit Hörspielen und Theaterstücken beginnt und ab 1996 auch Romane und Novellen umfasst, beständig an der (politischen) Gegenwart ab. Darunter zählen ihre sprachgewaltigen Theaterstücke wie Waikiki-Beach und Sloan Square, in denen sie mit einer Sprache und Dramaturgie operiert, die sich auch als feministischer Gegenentwurf zur klassischen Tragödie begreift und andere Erzählweisen und Perspektiven auf die Bühne stellt:

„Der süße Schmerz des bürgerlichen Trauerspiels sei sowieso verlogen, sagt Marlene Streeruwitz. Katharsis, sagt sie, sei eine Erfindung der Männer, genau wie der Krieg, ein blöder künstlicher Höhepunkt. Immer und immer, sagt sie, besteigen die Männer die Gipfel. Die Frauen sitzen im Tal, tragen die Kinder aus und pflegen die Verwundeten. Nur die Männer, sagt Marlene Streeruwitz, hätten das Drama erfinden können, den künstlich geschürten Konflikt, der auf einen Höhepunkt zueilt, nur um sich sinnlos aufzulösen. Den Frauen dagegen sei ein ganz anderes, undramatisches Zeitmaß gegeben – das der Dauer. Und deshalb träumt Marlene Streeruwitz von einem Theater ohne Katharsis, belebt von Figuren, die nicht hochdramatische Auftritte feiern, sondern erscheinen und verschwinden.“[1]

Dieses Projekt einer kritischen Sprachanalyse führt Streeruwitz dann ab den späten Neunziger Jahren in Romane und Novellen fort, die – wie so oft bei feministischen Autorinnen – zuerst von der (männlichen) Kritik abgelehnt wurden. Ihrem Debütroman Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre wurde von Marcel Reich-Ranicki vorgeworfen, Beschreibungen des Alltags aus weiblicher Perspektive seien nicht ‚hohe’ Literatur. Diese Perspektive hat sich seitdem gewandelt, auch wenn längst noch keine Geschlechtergerechtigkeit im Literaturbetrieb herrscht,[2] und Marlene Streeruwitz wurde für ihr Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2020 dem Preis der Literaturhäuser. Damit wäre eigentlich eine umfassende Lesereise und öffentliche Würdigung ihres Werkes verbunden gewesen, die durch den Ausbruch der Corona-Pandemie verhindert wurde. Stattdessen hat sie sich nun im „Covid-19-Roman“ So ist die Welt geworden der Pandemie und der Sprache der politischen Reaktion auf diese genähert.

„Sprache und das Sprechen. Daraus konstruieren sich die Leben, die wir leben müssen. Die Bedeutung des Sprechens der Macht im Leben der Besprochenen zu entbergen. Das ist mein Projekt. Mein Ziel ist es herauszufinden, auf welchen Sätzen und Wortbrocken ein Schicksal beruht. Wie die Schicksale zuerst in Sprache und im Sprechen entworfen waren.“[3]

Am 2. März wird Marlene Streeruwitz gemeinsam mit der Philosophin Lisz Hirn und der Grazer Stadträtin Judith Schwentner um 19:30 im Livestream anlässlich des Frauentags über zeitgenössische feministische Positionen insbesondere in Zeiten von Covid-19 diskutieren, moderiert von Eike Wittrock (KUG). Diese Veranstaltung ist der Auftakt einer neuen Kooperation vom Zentrum für Genderforschung und dem Schauspielhaus Graz, die in lockerer Folge aktuelle queer-feministische Themen mit Gästen diskutieren wird.

www.marlenestreeruwitz.at
https://schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com/play-detail/die-macht-der-sprache/

Text von Eike Wittrock


[1] Robin Detje, „Herrlich kalt und schön brutal. Die Dramatikerin Marlene Streeruwitz will das Abendland ein bißchen zerstören, um es zu retten“, in: Die Zeit 31/1992, www.zeit.de/1992/31/herrlich-kalt-und-schoen-brutal/
[2] „Die Frage nach dem weiblichen Schreiben als Beschränkung. Marlene Streeruwitz über Frauen und Literatur“, Deutschlandfunk Kultur, 12.03.2020, www.deutschlandfunkkultur.de/marlene-streeruwitz-ueber-frauen-und-literatur-die-frage.1270.de.html
[3] Marlene Streeruwitz, „Aus Worten werden Taten. Demokratie beruht auf demokratischem Sprechen. Die Pandemie wäre eine gute Gelegenheit damit zu beginnen“, in: Süddeutsche Zeitung 11.01.2021, www.sz.de/1.5170765