"The Musician's Estate as Memory Storage: Remembrance, Functional Memory and the Construction of Female Professional Identity" / "Der Musikerinnennachlass als Gedächtnis-Speicher: Erinnerung, Funktionsgedächtnis und die Konstruktion professioneller Identität"

Laufzeit: 15. Mai 2020 bis 14. Mai 2024
Leitung: Dr.in Michaela Krucsay
Projektmitarbeiter_in: wird noch bekannt gegeben 
Finanzierung: FWF/Einzelprojekt (P33110-G)

Mit der Anerkennung der Geschichts- und Biographiewürdigkeit von berühmten Musikern und Komponisten im Laufe des 19. Jahrhunderts gewann auch die Erhaltung und Pflege ihrer Nachlässe zunehmend an Relevanz. Dies führte – sowohl seitens der Wissenschaft als auch im öffentlichen Diskurs – in Folge zu einer verstärkten schriftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik, wobei die bürgerlichen Ideale und Werte der Zeit den Rahmen entscheidend mitbestimmten. Das seither vorherrschende Bild vom schöpferisch tätigen Musiker geht dabei mit einem beinahe ausschließlich männlich konnotierten Geniebegriff einher. Zugleich bildete sich eine spezifische Gruppenidentität der Musikschaffenden sowie deren permanente Präsenz im sogenannten Funktionsgedächnis (nach Aleida Assmann) heraus, was Auswirkungen auf den musikalischen Kanon zeitigt. Musikalisch schöpferisch tätige Frauen dagegen erlangten zunächst meist nur einen Platz im passiveren Speichergedächtnis– vorausgesetzt, ihre jeweiligen Nachlässe wurden als bewahrungswürdig eingestuft, was als die grundlegende Voraussetzung jeder Überlieferung zu betrachten ist. Als materialisierte Erinnerungen vermögen Nachlässe auf der Basis ihrer Zusammensetzung Hinweise darauf zu geben, was für ihre früheren EigentümerInnen wichtig war. Der aktuell gängigen Annahme folgend, dass Erinnerungen in der Herausbildung eines (professionellen) Selbst eine essentielle Rolle spielen, kann ein zentraler Vorgang beobachtet werden: Die allmähliche Herausbildung eines spezifischen Funktionsgedächtnisses des weiblichen musikalischen Professionalismus führt, nach männlichem Vorbild, wechselseitig zur verstärkten Bewahrung von Nachlässen wie auch zur Produktion autobiographischer Schriften, die beide als Gedächtnis-Speicher fungieren. So wird eine Interaktion etabliert, deren Auswirkungen wiederum allmählich in die Diskussionen und Bewertungen weiblicher Kreativität eindringen, die ihrerseits das individuelle und kollektive Gedächtnis beeinflussen.

Um diese Entwicklungen zu erforschen, werden die Nachlässe von sechs ausgewählten Musikerinnen bzw. Komponistinnen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart untersucht und in Hinblick auf ihre spezifischen Strukturen und Inhalte sowie den jeweiligen Erhaltungszustand miteinander verglichen. Auch die autobiographischen Schriften der ausgewählten Protagonistinnen werden dabei miteinbezogen, da sie hier als bewusst gestalteter Teil ihres Vermächtnisses verstanden werden: Luise Adolpha Le Beau, Ethel Smyth, Mary Dickenson-Auner, Elly Ney, Grete von Zieritz und deren Tochter, Hedi Gigler-Dongas. Damit stehen die Generationen vom langen 19. Jahrhundert bis in die Postmoderne in Großbritannien, Deutschland und Österreich im Fokus, sodass zusätzlich konkrete Einsichten in die Besonderheiten der Dynamik während der Zeit des Nationalsozialismus zu erwarten sind.


Fotos von Michaela Krucsay