Juni 2020 - Beatriz Ferreyra

Beatriz Ferreyra (*1937) stammt aus einer wohlhabenden argentinischen Familie. Aufgewachsen in Cordoba, zieht ihre Familie, als sie zwölf Jahre alt ist, nach Buenos Aires. Trotzdem verbringen alle weiterhin jeden Sommer gemeinsam mit zwei anderen Familien und fünf Klavieren in dem großen Haus in Cordoba. Ihre ganze Familie ist sehr musikalisch, doch alle haben andere Vorlieben, der Vater bevorzugt Wagner, Brahms, Chopin, die Mutter interessiert sich für alles Neue, Debussy, Strawinsky, Jazz, von Besuchen bei ihrer Familie in den USA bringt sie stets die neuesten Schallplatten mit; eine Tante spielt Brahms, eine andere singt Tangos, Beatriz und ihr Bruder erhalten Klavierunterricht. Zu den Eindrücken ihrer Kindheit gehören vielfältige musikalische Erlebnisse ebenso wie die große Kakophonie, wenn in dem großen Haus in Cordoba alle irgendwo musizieren oder wenn zum Mittag- oder Abendessen der große Gong durchs ganze Haus dröhnt.

Es dauert lange, bis sich Ferreyra für die Musik und ein Leben als Komponistin entscheidet. Zuerst will sie wie einer ihrer Cousins zeichnen. Vor allem aber löst sie sich aus dem ursprünglich für sie vorgezeichneten Leben: Anders als die meisten ihrer Freundinnen ist sie nicht daran interessiert zu heiraten und eine Familie zu gründen. Auf der Suche nach Alternativen und Anregungen geht sie mit 18 Jahren erst in die USA, schließlich, 1961, nach Europa, wo sie sich bei Freunden in Paris einrichtet. Die Eltern, die sie nach Argentinien zurückholen wollen, verweigern ihr die Unterstützung, lange Zeit übernimmt sie vom Babysitten bis zum Kellnern alle möglichen Jobs, lebt in einer kleinen Souterrainwohnung, um irgendwie über die Runden zu kommen. 

Bis zur Anerkennung als Komponistin ist es ein langer Weg. Während der Zeit beim GRM entstehen erste Kompositionen. Doch es ist schwer, sich am GRM als Komponistin zu behaupten: Pierre Schaeffer war von Frauen umgeben, die ihm zuarbeiten, verhält sich ihnen gegenüber aber oft unfreundlich und unkollegial. Um unabhängig von Schaeffer zu sein, verläßt Ferreyra den GRM in dem Moment, als man ihr einen Kompositionsauftrag erteilt. Danach tut sie alles, um zu komponieren: Sie nimmt jeden Auftrag an, beteiligt sich an jedem Wettbewerb. Und sie hat Erfolg: Françoise Barriere und Christian Clozier, die damals gerade das Festival für elektronische Musik in Bourges gründen, geben ihr, nachdem sie ihr Stück „Medisances“ (1968) gehört haben, den Auftrag für eine neue Komposition. Bald ist sie fest mit dem Festival verbunden und erhält dort alle zwei Jahre einen neuen Kompositionsauftrag. 

Ferreyra nutzt für ihr Komponieren die Technik des Perspektivwechsels, die ihr von Pierre Schaeffers Konzept des reduzierten Hörens vertraut ist: Man nimmt den Klang als solchen, nicht als Effekt oder Indiz von etwas anderem wahr. Von Nadja Boulanger hat sie hingegen gelernt, genau zu sein und Unstimmigkeiten auf die Spur zu kommen: Sobald sie beim Hören einer Passage auf andere Gedanken kommt, nicht mehr bei der Sache ist, weiß sie, etwas ist nicht in Ordnung. Für Ferreyra ist Musik etwas, das der persönlichen Energie eines Menschen sehr nah kommt. Sie selbst sieht und hört Farben und Klänge zusammen und dachte lange, jeder verfüge über diese Fähigkeit zur synästhetischen Wahrnehmung.