Artist of the Month

The Centre for Gender Studies presents every month another female artist.

Künstlerin des Monats August 2020: Helga Schubert

Mit der diesjährigen Gewinnerin des Bachmannpreises hat die Jury eine Schriftstellerin in die öffentliche Aufmerksamkeit zurückgeholt, die lange unter Radar lief. Helga Schubert begann ihre künstlerische Karriere in den 1970er Jahren – vor fast einem halben Jahrhundert – in der DDR. Zu dieser Zeit arbeitete sie als klinische Psychologin in der Erwachsenen-Psychotherapie und Eheberatung in Ost-Berlin. Sie schrieb zuerst Lyrik, dann Kurzgeschichten, und veröffentliche 1975 als Debüt den Erzählband Lauter Leben, der mittlerweile in fünf Auflagen erschienen ist. Seitdem veröffentlichte sie in unterschiedlichen Medien und Formaten: Kinderbücher, Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher, Kolumnen und immer wieder Erzählungen. 1980 war sie bereits zum Bachmannpreis eingeladen, erhielt aber keine Ausreisegenehmigung. 1987 wurde sie in die Jury berufen und durfte anreisen. 

Vielen ist Helga Schubert durch ein Werk bekannt, das sie möglicherweise nicht mit ihrem Namen in Verbindung bringen. Von ihr stammt das Filmszenarium zu Lothar Warnekes Die Beunruhigung, einer der besucher_innenstärksten Filme der DDR, der 1982 auch auf der Biennale in Venedig und weltweit auf Frauenfilmfestivals gezeigt wurde. Der Film, teilweise in Schuberts Privatwohnung gedreht, erzählt in einfachen klaren Bildern und alltäglichen Szenen die 24 Stunden im Leben einer geschiedenen Frau nach einer mögliche Krebsdiagnose. 

Ein solcher Blick auf das Alltägliche prägt das Schreiben von Helga Schubert. Sie rückt dabei insbesondere immer wieder das Gefühlsleben und die damit verbundenen Sorgen und Aktivitäten von Frauen in unterschiedlichen politischen Regimen in den Vordergrund, die – da meist wenig heroisch – sonst oft durch das erzählerische Raster fallen. Ihr Gewinnertext in Klagenfurt webt über das Motiv des morgendlichen Aufstehens unterschiedliche Formen von Fürsorge über Generationen hinweg einfühlsam und bewegend zusammen. Eine fast gegensätzliche Perspektive entwickelt sie dagegen in Judasfrauen, einem Erzählband über Denunziantinnen im Dritten Reich, deren Geschichten Schubert aus Prozessakten rekonstruierte: „So sensibel, so zart, so kooperativ, so mütterlich, so mitleidig sind wir nicht. Wir sind auch böse und auch gefährlich, auf unsere Weise.“[1]


[1]Annette Meyerhöfer, Eine Million Judaslohn, Der Spiegel, 1.3.1990, www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-52429254.html

 

Werkauswahl:

Lauter Leben. Geschichten. Aufbau-Verlag, Berlin 1975.

Vier Bücher über das Mädchen Bimmi, Kinderbuchverlag Berlin, ab 1980.

Filmszenarium zu Die Beunruhigung, 1982 www.defa-stiftung.de/filme/filmsuche/die-beunruhigung/

 Ansprache einer Verstorbenen an die Trauergemeinde, 1983, Monolog und Hörspiel

 

 Judasfrauen. Zehn Fallgeschichten weiblicher Denunziation im Dritten Reich. Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt/Main 1990.

 

 Bezahlen die Frauen die Wiedervereinigung? Piper Verlag, München 1992 (zus. mit Rita Süssmuth).

 

Vorm Aufstehen,Gewinnerinnentext des Bachmannpreises, 2020, 

files.orf.at/vietnam2/files/bachmannpreis/202019/vorm_aufstehen_helga_schubert_749211.pdf

 

 

Abbildungsnachweis

SLUB Dresden / Deutsche Fotothek / Christian Borchert, http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/80208780

 

Text von Eike Wittrock