Artist of the Month

The Centre for Gender Studies presents every month another female artist.

Künstlerin des Monats Oktober 2020: Johanna Kinkel

Bild: Unbekannt, Porträt von Johanna Kinkel. StadtMuseum Bonn

Johanna Kinkel (1810–1858) war eine Komponistin, Pianistin, Musikpädagogin, Schriftstellerin, Dichterin, Chorleiterin und politische Aktivistin. Vor allen Dingen aber war sie außergewöhnlich in Hinblick auf die Kombination all dieser Wirkungsfelder sowie hinsichtlich ihrer modernen Ansichten zu Themen wie Ehe, Haushalt, und Kindererziehung. Die im Sommersemester 2020 mit dem Zentrum für Genderforschung assoziierte Musikwissenschafterin Anja Bunzel (Institut für Kunstgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften) hat sich in einer jüngst erschienenen Studie mit Kinkels Liedern beschäftigt, die nicht nur faszinierende Einblicke in die Biographie einer außergewöhnlichen Frau des 19. Jahrhunderts und musikalische Praktiken dieser Zeit bieten, sondern auch auf eindrucksvolle Weise kompositorische und konzeptionelle ideengeschichtliche Phänomene widerspiegeln.

Johanna Kinkel gründete 1840 in Bonn gemeinsam mit dem protestantischen Theologen und ihrem späterem (zweiten) Ehemann Gottfried den Maikäferbund, aus dessen regelmäßigen Zusammenkünften fiktionale und nicht-fiktionale Prosa sowie Gedichte von Johanna Kinkel und anderen Maikäfern hervorgingen. Im Zuge der politischen Unruhen in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre wurden sowohl Gottfried als auch Johanna zunehmend politisch aktiv, was sich auch in Johanna Kinkels Liedern widerspiegelt. 1851 emigrierten sie gemeinsam mit ihren vier Kindern nach London, wo Johanna Kinkel sich überwiegend dem Schreiben von musikwissenschaftlichen und -pädagogischen und fiktionalen Texten sowie dem Unterrichten widmete. Zwischen 1838 und 1851 veröffentlichte sie neben zwei längeren Chorstücken und zwei Gesangsschulen insgesamt fast 80 Lieder, von denen viele autobiographische Züge aufweisen. Die meisten von Kinkels Liedern sowie auch einige Handschriften hat die Universitäts- und Landesbibliothek Bonn inzwischen digitalisiert und können jederzeit angesehen werden. Kinkels Lieder handeln von typischen Themen der Romantik – Wald- und Naturszenen, vorindustrielle Schauplätze im Süden Europas und in Asien, nächtliche Einsamkeit, Mondschein und Landschaften im oder am Wasser. Andererseits erzählen viele von ihnen von unglücklichen, eingeschränkten oder unsicheren Liebesbeziehungen und/oder sind eindeutig politischer Natur – so zum Beispiel Kinkels Demokratenlied, in dem sie zum Kampf für eine Republik aufruft (veröffentlicht 1848 bei Sulzbach). Kompositionsästhetisch bilden Kinkels Lieder eine große Bandbreite ab: einige sind eher einfach gehalten und eigneten sich wohl für die Aufführung in privaten Amateurzirkeln, andere sind komplexer und benötigen etwas mehr Zeit zum Einstudieren.

Leider ist bis heute nicht bekannt, wie viele Lieder Kinkel insgesamt geschrieben hat, da die meisten ihrer Autographe fehlen. Ein Zufallsfund in der Musikabteilung mit Mendelssohn-Abteilung, Staatsbibliothek zu Berlin, versichert uns immerhin, dass nicht alle von Kinkels Lieder veröffentlicht worden sind: das Ende des Liedes „Vineta“ (von Wilhelm Müller) befindet sich auf derselben Seite wie die Vertonung von Chamissos „Die Mühle, die dreht ihre Flügel“. Während letzteres mit dem Titel „Der Müllerin Nachbar“ als eines von sechs Liedern in Kinkels Opus 10 veröffentlicht wurde, fehlt von der vorhergehenden Seite, die den Anfang des unveröffentlichten Liedes „Vineta“ abbilden sollte, jede Spur. Vielleicht wird dieses bisher unentdeckte Lied einmal Thema weiterer Untersuchungen zu Kinkels musikalischem Œuvre sein – ebensolches wäre auch den bisher größtenteils unerforschten als Handschriften vorliegenden Singspielen Kinkels zu wünschen.

Anja Bunzel, The Songs of Johanna Kinkel. Genesis, Reception, Context (Woodbridge: Boydell, 2020)

 

Text von Anja Bunzel

 

Zum Weiterlesen:

MuGi-Hamburg Artikel von Melanie Ayaydin

Monica Klaus, Johanna Kinkel: Romantik und Revolution (Köln: Böhlau, 2008)

Monica Klaus (Hrsg.), Liebe treue Johanna! Liebster Gottit!: Der Briefwechsel zwischen Gottfried und Johanna Kinkel: 1840-1858, 3 Bände (Bonn: Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek, 2008)

Daniela Glahn, Johanna Kinkel – Bilder einer Autorschaft (München: Allitera, 2017)

Anja Bunzel, "Johanna Kinkel's Social Life in Berlin (1836-39): Reflections on Historigraphical Sources", in Musical Salon Culture in the Long Nineteenth Century, hrsg. Anja Bunzel and Natasha Loges (Woodbridge: Boydell, 2019), 13-26.

Aufnahmen von Werken Kinkels und einiger anderer Komponistinnen des 19. Jahrhunderts für den Haus- und Universitätsgebrauch auf der Website: Sophie: A Digital Library of Works by German-Speakin Women